Projekttitel: Dokumentation des Händehygiene-Verhaltens mittels Technologie
| deutscher Projekttitel | Dokumentation des Händehygiene-Verhaltens mittels Technologie |
| englischer Projekttitel | Monitoring of the hand hygiene behavior with technology |
Ideengeber*in:
| Name | Tobias Gebhardt |
| Organisation | GWA Hygiene GmbH |
| Adresse | Heinrich-Mann-Straße 11, 18435 Stralsund |
| E-Mail (optional) | info@gwa-hygiene.de |
| Telefon (optional) | 03831 / 20 355 47 |
| Website (falls vorhanden) | https://gwa-hygiene.de |
Potenzielle Projektpartner*innen
- Universitätsklinikum Regensburg, Abteilung für Krankenhaushygiene und Infektiologie
- EURANEG GmbH
- HTK Hygiene Technologie Kompetenzzentrum GmbH
Ausgangslage
In Deutschland sind jedes Jahr 700.000 nosokomiale (im Krankenhaus erworbene) Infektionen zu verzeichnen. 10.000 –15.000 davon enden tödlich. In ganz Europa infizieren sich sogar 4,5 Millionen Menschen mit Krankenhauskeimen1. Bis zu 90% der Keimübertragungen erfolgen über die Hände2 aber nur jede zweite notwendige Händedesinfektion wird tatsächlich durchgeführt. Um das Bewusstsein für die Händehygiene beim Klinikpersonal zu schärfen, gibt es Hygiene-Fachpersonal. Diese führen beispielsweise Schulungen durch und beobachten das Personal bei ihrer täglichen Arbeit aus der Hygiene-Perspektive. Häufig werden diese Arbeitsprozess der Hygieneverantwortlichen analog, temporär und örtlich begrenzt durchgeführt. Diese Ressourcenintensität steht im Konflikt mit dem Mangel an Hygiene-Fachpersonal. So ist zum Beispiel der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin der meist gesuchteste Facharzt in Deutschland.
Aktuelle Ansätze zur Überwachung der Einhaltung von Hygienevorschriften haben nicht den erhoffen Erfolg gebracht. Folglich bedarf es technologische Unterstützung, um den Hygieneverantwortlichen den Arbeitsalltag zu erleichtern und um die Datenerfassung zur Hygiene-Situation objektiver und skalierbarer zu gestalten.
Quellen
1 European Centre for Disease Prevention and Control
2 Kramer, A. "Händehygiene - Patienten- und Personalschutz". In: GMS Krankenhaushyg Interdiszip (2006)
Nutzen
Worin liegt das Optimierungspotential?
Im Krankenhaus erworbene Infektionen haben aufgrund der hohen Inzidenz, einer damit verbundenen hohen Sterblichkeit und nicht zuletzt auch wegen erheblicher Kosten messbare Auswirkungen auf Gesundheitssysteme in Deutschland und weltweit.
Nosokomiale Infektionserreger zeichnen sich oftmals durch ein erweitertes Resistenzprofil, hohe Umweltpersistenz (Tenazität) und u.U. auch besondere Pathogenität aus. Einer im Krankenhaus erworbenen Infektion geht in vielen Fällen die Übertragung eines Infektionserregers voraus. Bei Erregerübertragungen (Transmissionen) von Patient zu Patient spielen sowohl die unbelebte Patientenumgebung sowie insbesondere die Übertragung durch die Hände des Personals als Vektor eine wichtige Rolle. Den engsten und häufigsten Kontakt zu Patienten haben dabei Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Ärzte.
Durch die Unterbrechung von Transmissionsketten kann die Verbreitung von Erregern verhindert und somit ein Beitrag zur Verringerung von Morbiditäts- und Mortalitätsraten geleistet werden. Die wichtigste infektionspräventive Maßnahme ist in diesem Zusammenhang die konsequente Anwendung der hygienischen Händedesinfektion.
Ein großes Problem stellt die Überwachung der Hygienevorschriften dar. Im aktuellen Klinikalltag werden Prozesse größtenteils manuell überwacht. Dies führt dazu, dass nicht jedes Fehlverhalten erkannt und dokumentiert wird. Darüber hinaus kann aufgrund des Personalmangels keine kontinuierliche Überwachung stattfinden, die helfen könnte die Infektionsrate zu senken. Aus diesem Grund bedarf es einer sensorgestützten Prozessüberwachung.
Diese Technologie sollte sich möglichst nahtlos in den Arbeitsalltag des Personals und die IT-Infrastruktur des Krankenhauses integrieren lassen. Beispielsweise ist es erforderlich, dass sich die Sensorik auf die vorhandenen Desinfektionsmittelspender adaptieren lässt, sodass kein Austausch der Spender erforderlich ist.
Häufig überschätzt sich das Krankenhauspersonal bei der Einhaltung der Hygienestandards. Sie denken, dass sie viel besser sind als es tatsächlich der Fall ist. Daher benötigt es Daten, die objektiv Feedback zum Händehygieneverhalten geben. Dies wiederum muss mit dem Datenschutz konform gehen. Dafür kann die Datenerfassung zum Beispiel nach Berufsgruppen unterteilt sein, sodass nicht auf Individuen geschlossen werden kann.
Wer profitiert von der Innovation und dem Standard?
Bis zu 40% der Krankenhausinfektionen können durch bessere Händehygiene vermieden werden3. Durch geringere Infektionszahlen wird insbesondere das Patientenleid reduziert. Infektiöse Patienten werden in der Regel isoliert, weisen eine längere Verweildauer auf und benötigen Sonderbehandlungen. Die durch nosokomiale Infektion bedingten Liegezeitenverlängerungen verursachen relevante Erlösverluste für das behandelnde Krankenhaus. So ergab eine sehr konservativen Schätzung für eine unfallchirurgische Abteilung auf der Grundlage routinemäßig erhobener Abrechnungsdaten einen Erlösverlust von mindestens 5.000 € pro nosokomialer Infektion4. Bei Infektionen mit multiresistenten Erregern wird von deutlich höheren Kosten (10.448 €) ausgegangen5. Der sozioökonomische Gesamtschaden durch außermedizinische Folgen wie Arbeitsausfall, Umschulung, Bereitung etc. der betroffenen Patienten ist bislang unbekannt.
Wie werden die Ergebnisse nach Projektabschluss verwertet?
Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert Koch Institut hat 2016 eine Empfehlung rausgegeben: “Um Defizite in der Händedesinfektions-Compliance bzw. deren Veränderungen sichtbar zu machen, ist die Etablierung von Messsystemen unerlässlich.”
Dabei können Messsysteme technischer Art sein. Eine weitere Konkretisierung ist bisher allerdings nicht erfolgt. Nach Projektabschluss sollen entsprechende Kriterien zur Bewertung eines technischen Händehygiene-Monitorings zur Verfügung stehen. Dies soll folglich Gesundheitseinrichtungen bei der Entscheidungsfindung für ein solches System unterstützen.
Skizzieren Sie bitte die europäische/internationale Bedeutung
Die Infektionsprävention muss länderübergreifend betrachtet werden. Gemäß Hochrechnungen sterben weltweit jährlich 16 Millionen Menschen an den Folgen von Krankenhausinfektionen6. Es ist zu erwarten, dass die zunehmende Anzahl multiresistenter Keime zu einer weiteren Steigerung der Mortalität führt. Daraus wird deutlich, dass die Prävention von Infektionen eine globale Angelegenheit ist.
Bestehen Einreichungsmöglichkeiten bei Europäischen und internationalen Normungsorganisationen (CEN/CENELEC/ISO/IEC)?
Es muss das Ziel sein technische Lösungen zum Monitoring der Händehygiene in einer internationale Norm festzuhalten. Dies soll folglich zu einem späteren Zeitpunkt geprüft und angegangen werden.
Skizzieren Sie bitte die Markt- und gesellschaftliche Relevanz
Nosokomiale Infektionen bedeuten Zusatzkosten und Reputationsgefahr für Krankenhäuser. Im Angesicht ihrer mitunter wirtschaftlich schwierigen Situation sind solche Infektionen ein beachtliches zusätzliches Risiko. Infektionsausbrüche stellen ein Betriebsrisiko dar, da Gesundheitsämter berechtigt sind entsprechende Stationen schließen zu lassen. Erlösverluste und Rufschädigung sind die Folge.
Darüber hinaus ist es noch nicht abschließend geklärt, ob Krankenhausmitarbeiter mit einem multiresistenten Erreger ohne Einschränkungen ihre Arbeit praktizieren dürfen. Sollte es ihnen untersagt werden, stellt sich die Frage wer für ihre Arbeitsunfähigkeit bzw. Umschulung aufkommt. Die Desinfektion der Hände gehört daher auch zum Arbeitsschutz.
Quellen
3 Kampf G., H. Löffler und P. Gastmeier. “Hand Hygiene for the Preventaion of Nosocomial Infections”. In: Deutsches Ärzteblatt International 106.40 (2009)
4 Strybos M, Otchwemah R, Marche B, Bouillon B, Recht P, Kugler C, et al., editors. Nachweis des medizinischen und wirtschaftlichen Nutzens der Umsetzung von Hygienemaßnahmen durch hygienebeauftragte Ärztinnen und Ärzte in der Unfallchirurgie/Orthopädie: Studiendesign für eine multizentrische prospektive Kohortenstudie. German Congress for Orthopedics and Trauma Surgery (Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie), accepted abstract; 2018; Berlin: German Medical Science GMS Publishing House.
5 T. Kersting RH, R. Irps. Diagnostik und Behandlung multiresistenter Bakterien (MRE) – Ergebnisse aus Routinedatenanalysen zu Verweildauern, Wiederaufnahmeraten und Kosten im DRG System. Hygiene&Medizin- Infection Cont rol and Heal thcare Offizielles Mitteilungsorgan. 2014;39 – Suppl. DGKH 2014:26.
6 D. Pittet, “Adapt to adopt” TEDxPlaceDesNations (2016)
Kompetenzen und Ressourcen
Die GWA Hygiene entwickelt seit der Gründung in 2015 das Händehygiene-Monitoring-System NosoEx. Von Beginn an wurde dabei die Interaktion mit der Zielgruppe in den Vordergrund gestellt. Heute ist NosoEx in rund 30 Gesundheitseinrichtungen (Krankenhäuser, Pflegeheime, Dialysen-Zentren) installiert. Dabei konnten ca. 4,5 Millionen Händedesinfektionen erfasst werden. Zusätzlich hat die GWA Hygiene im Juli 2019 die Technologie des damaligen Händehygiene-Monitoring-Anbieters HyHelp AG übernommen. Damit wurde das Leistungsspektrum erweitert. Für die Datenauswertung und die weitere Produktentwicklung bestehen diverse Partnerschaften. Drei dieser Partner sollen in diesem Vorhaben unterstützen.
Das HTK Hygiene Technologie Kompetenzzentrum ist ein Institut mit dem Fokus auf Forschung und Bewertung (medizin)technischer Produkte und Abläufe sowie der Simulation, Evaluation und Optimierung hygienischer Prozesse durch den Einsatz innovativer Technologien. Ziel ist die Etablierung eines standardisierten Prüfverfahrens zur Bewertung von Effizienz und Effektivität sowie zur Weiterentwicklung von Leistungen und Prozessen.
Die Abteilung für Krankenhaushygiene und Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) wird von Herrn Prof. Dr. Schneider geleitet und berät hinsichtlich hygienerelevanter Fragestellungen, führt Begehungen auf Stationen durch, erstellt Hygiene- und Desinfektionspläne, berät bei Baumaßnahmen und vieles mehr. Wissenschaftliche Expertise besteht insbesondere bei der Händehygiene und kommt durch das Gold-Zertifikat der Aktion Saubere Hände zum Ausdruck. Prof. Dr. Schneider hat seit 2017 bayernweit die erste Professur für Krankenhaushygiene inne.
Die EURANEG GmbH entwickelt und produziert seit vielen Jahren sowohl manuelle Armhebel- als auch Automatik-Spender. Dabei weisen sie eine Expertise bezüglich Richtlinien des Robert-Koch-Instituts und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene auf.
Standardisierungsscope
Der geplante Standard definiert Anforderungen an ein technisches System zur Dokumentation des Händehygiene-Verhaltens vom Krankenhauspersonal. Perspektivisch soll sich ein solches System in das Qualitätsmanagement integrieren lassen und somit aktives Steuerungsinstrument der Klinikleitung werden.